Artikel in Der Tagespost, 8. Januar 2011
von Sebastian Pilz
Um kurz vor 16 Uhr wird es auf der tief verschneiten Marienhöhe in Dietershausen nahe Fulda schwierig einen Parkplatz zu finden. Etwa 300 Interessierte – Kinder, Familien, Erwachsene und Großeltern – folgen in der Weihnachtszeit täglich der Einladung der Schönstätter Marienschwestern zu einer Krippenandacht der besonderen Art. Bereits am Eingang der Gott-Vater-Kirche werden die Kinder von Marienschwestern und Ehrenamtlichen empfangen und zum Mitmachen eingeladen. Dazu dürfen sie sich als Engel, Hirten oder Könige verkleiden.
Zum Beginn zieht eine fröhliche Schar kleiner Engel in Gewändern, mit Sternenkragen und gelben Holzstern ausgestattet, in die Kirche ein, in der die Erwachsenen bereits Platz genommen haben. Hinter der Engelschar folgen die Hirten, die mit Fellmänteln und Hirtenhut bekleidet auf die kleinen Rhönschäfchen Acht geben, die sie liebevoll bei sich tragen.
Nach dem Einzug der Kinder erinnert das gemeinsame Gebet zunächst an die Armut des Stalls von Bethlehem und an das vom Verstand her unfassbare Geheimnis der Menschwerdung Gottes. Jeder Teilnehmer wird eingeladen, in Beziehung zu Jesus Christus zu treten und ihm all seine Sehnsüchte und Hoffnungen hinzugeben. Passend dazu ziehen die Sterndeuter ein und legen ihre Gaben nieder. Das Gebet um die Hingabe und Öffnung des Herzens für die Liebe Gottes endet mit dem Ruf an Maria: „Lass doch in meinem Herzen Jesus noch einmal geboren werden – für meine Familie, für mein Land, für die ganze Welt!“ Nach den Bitten in den Anliegen und Sorgen der Welt schließt ein Priester mit einem Segensgebet die 10 Minuten an der Krippe ab. Die Kinder haben im Anschluss die Aufgabe, in der Kirche Sterne einzusammeln. Auf diese Papiersterne können die Erwachsenen Namen von Menschen aufschreiben, die ihnen wichtig sind oder die das Gebet besonders brauchen. Die Sterne werden zur Krippe gebracht und die Marienschwestern versprechen, besonders für die Menschen zu beten, deren Namen auf den Sternen stehen.
Danach dürfen Große und Kleine sich Weihnachtslieder wünschen, die von der Musikgruppe der Schönstätter Marienschwestern begleitet und mit fröhlichen Bewegungen der Engelskinder untermalt werden. Die Möglichkeit zum Empfang des priesterlichen Einzel- oder Familiensegens nehmen die Besucher rege an. Der gesellige Ausklang im Foyer des Provinzhauses bietet die Möglichkeit zu neuen Kontakten und zum Gespräch mit den Marienschwestern. Die Kinder können sich in dieser Zeit in der Spielecke austoben, Bilder malen oder ein Quiz durch das Haus lösen.
„Wir sehen die 10 Minuten an der Krippe als Möglichkeit der Neuevangelisierung“, erklärt Schwester Maria Louise Schulz die Intention des Nachmittages. Weihnachten habe, so die Schönstätter Marienschwester, einen Sitz in unserer Kultur und werde häufig als Zeit der Familie wahrgenommen. „Da ist es uns wichtig, ein religiöses Angebot zu schaffen, in dem die Kinder ein entscheidender Teil des Erlebnisses sind. Wir wollen die Atmosphäre von Bethlehem neu Wirklichkeit werden lassen und eine persönliche Beziehung zum Gott in der Krippe ermöglichen.“
Die Idee zu den gestalteten 10 Minuten an der Krippe kam in den 90er Jahren in Schönstatt auf. Da jedes Jahr viele Besucher zu der großen Krippenlandschaft in der dortigen Dreifaltigkeitskirche kamen, entstand die spontane Idee, dieses bloße Anschauen mit einem religiösen Erlebnis zu verbinden. „Wir sangen Lieder und beteten mit den Besuchern“, erinnert sich Schwester Louise. „Daraus entwickelte sich die Veranstaltung 10 Minuten an der Krippe, die besonders auch jene anspricht, die nicht so religiös erfahren sind. Die 10 Minuten sind dabei nur ein Symbolwort für eine kurze intensive Zeit mit Gott. Wichtig ist es uns, dass die Besucher in dieser Zeit selber mitsingen und in ganz elementarisierter Weise mit Hilfe des Papiersterns beten können.“
Von Schönstatt aus verbreitete sich die Idee auch in die anderen Schönstatt-Zentren Deutschlands. So begannen die Marienschwestern in Dietershausen im Jahr 2001 mit einer kleinen Feier. Nach und nach wurden die Resonanz größer und das Angebot ausgebaut. Als ständiges Element der Feier kam der Einzel- und Familiensegen hinzu, den auch schon der Fuldaer Diözesanbischof Heinz Josef Algermissen spendete. Darüber hinaus beteiligen sich Kirchenchöre und Musikgruppen an der Feier. Es wurden Kostüme angeschafft und stabile Holzsterne angefertigt, dass die Kinder jeden Tag mit Freude ein Teil des Geschehens an der Krippe werden können.
Der Erfolg der 10 Minuten an der Krippe in Dietershausen ist groß: Jedes Jahr kommen über 3000 Besucher zu der kurzen Andacht. „Es gibt eine gute Mundpropaganda“, erklärt Schwester Louise, „und einige Winterurlauber, die in der Rhön den Schnee genießen, kommen jedes Jahr vorbei. Das Kind einer Familie hat sogar hier laufen gelernt und sie kommen noch heute.“ Die 10 Minuten an der Krippe bieten gute Kontaktmöglichkeiten zu weiteren Angeboten des Schönstatt-Zentrums. „Und natürlich sind alle nach den 10 Minuten an der Krippe immer noch in unser Kapellchen eingeladen und man kann sich ein Gutes Wort fürs Neue Jahr von Pater Kentenich aus einem Zettelkasten mitnehmen.“
10 Minuten an der Krippe
jedes Jahr im Schönstatt-Zentrum Dietershausen
täglich vom 26. Dezember bis 6. Januar, 16 Uhr
Auch an vielen anderen Schönstatt-Zentren in Deutschland
www.schoenstatt.de